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Thema: Oh Boy

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    Oh Boy

    Oh Boy

    Regie, Buch: Jan Ole Gerster
    Kinostart: 1. November 2012


    Ist es ein Fehler, wenn ein Film zu klein ist. Sich erst gar nicht an die großen Themen wagt? Einfach bescheiden bleibt und sein eigenes Süppchen kocht. Laufen solche kleinen Filme nicht in Gefahr unterzugehen. Vom Publikum schlicht übersehen zu werden. Was bleibt ist die bittere Zukunft: nur eine Fussnote in irgendeinem Filmbuch. Vergessen. Vergangen. Vergebens. Oh Boy ist so ein kleiner Film. Bescheiden erzählt er eine völlig unspektakuläre Geschichte. In schwarzweiß Bildern. Mit Jazzmusik. Also ab in die Tonne? Nein. Dieser Film wird nicht in Vergesenheit geraten.

    Tom Schilling

    Ein deutscher Filmstar. Wer würde das bezweifeln? Schon früh hat er den Sprung auf die große Leinwand geschafft. Crazy hat ihn berühmt gemacht. Er konnte als Teenager Hauptrollen mit Leichtigkeit meistern. Ganze Filme hat er auf seinen schmalen Schultern getragen. Doch dann kamen auch leider unbedeutende Nebenrollen. Sogar TV-Filme! Ja, damit muß man als großer Schauspieler in der Kinowüste (genannt Deutschland) wahrscheinlich leben. Aber jetzt hat er es endgültig geschafft. Mit Oh Boy. Er ist nicht nur der Hauptdarsteller. Er nimmt den Zuschauer auch komplett mit. Spricht für den Zuschauer. Er steht im totalen Fokus. Jede Regung von ihm ist großes Kino. Und dennoch weiß er genau, wann er einen Schritt zurück gehen muß. Er weiß ganz genau, wann er den Nebendarstellern Platz machen muß. Wenn er der Inszenierung, der Kamera, ja, der Musik Platz machen muß. Tom Schilling liefert eine perfekte Darstellung in Oh Boy ab. Sein Meisterstück.

    Berlin

    Wieder so ein prolliger Film, der stolz auf seine Stadt ist? Toll! Guckt mal all die geilen Straßen und Sehenswürdigkeiten in meiner geilen Stadt! Bin ich nicht geil! Ist meine Stadt nicht geil?! Am Arsch. Oh Boy ist anders. Klar, man spürt fast in jeder Einstellung, das der Film in Berlin gedreht wurde. Aber der Film ist anders. Komplett. Der Film zeigt seine eigene Vision von Berlin. Nicht das wirkliche Berlin. In poetischen, verträumten s/w Bildern. Sensationell gefilmt von Kameramann Philipp Kirsamer, der, man glaubt es kaum, diese wunderschönen Bilder mit der "Red one" gefilmt hat, einer digitalen Kamera. Dazu beinahe unentwegt Jazzmusik, die sich perfekt mit den Bildern vermischt. Geführt wird der Zuschauer durch den Hauptdarsteller, der ziellos und motivationslos durch Berlin schlendert. Wie ein Jazzstück. Man weiß nie genau, wo es als nächstes hingeht. Der Film ist wie ein Musikstück. Perfekt komponiert. Wunderschön.

    ein paar Leute

    Moment. Tom Schilling trägt zwar den Film. Die Kamera klebt gradezu an ihm. Aber es gibt ja noch "ein paar Leute" in dem Film. Bei den Nebendarstellern finden sich tatsächlich ein paar relativ bekannte Schauspieler und auch erfahrende Schauspieler. Ungewöhnlich für so einen kleinen Film. Und was soll ich sagen? Es sind durch die Bank weg geniale Schauspieler in absolut genialen Rollen. Ich hab noch nie so viel gelungende Figuren in einem Film geshen. Und überhaupt: Eines der größten Probleme des deutschen Film sind die Filmfiguren. Nie sind sie gut und glaubwürdig ausgearbeitet. Nie sind sie, wie in diesem Film, durchdacht bis in die kleinste Kleinigkeit. Nie waren sie so echt und originell wie in diesem Film. Wo wir gerade vom deutschen Film sprechen...

    Jan Ole Gerster

    Dieser Film ist Jan Ole Gersters Filmdebüt. (Man glaubt es kaum.) Und er macht nicht den größten Fehler, den die meisten deutschen Filme machen. Oft will der deutsche Film zu viel. Da wird nach den großen Filmemacher gestrebt, als ob man nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Da will man den geilsten Film aller Zeiten machen. Leute wie Til Schweiger kopieren gleich ganze Filme. Jan Ole Gerster bleibt aber bescheiden. Sein Film will gar nix großes. Er erzählt ein paar kleine Geschichten. Plätschert scheinbar vor sich hin. Keine Szene erinnert irgendwie an große Filme. Bescheiden bringt er uns durch die Geschichte. Kein Showdown am Ende. Keine Offenbarung für den Helden. Einfach.

    Oh Junge

    Ist da zu wenig? Ein paar interesante Figuren? Berlin? Eine eigenwillige Machart? Nein. Das reicht. Denn in diesen kleinen Geschichten, in diesem kleinen Film zeigt uns Jan Ole Gerster die großen Dinge. Ganz großes Kino.

    10/10
    Geändert von Tres Cojones (08.11.12 um 10:34:30 Uhr)

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